{"id":17879,"date":"2012-01-04T11:11:29","date_gmt":"2012-01-04T10:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.proterrasancta.org\/?p=17879"},"modified":"2021-09-09T16:34:29","modified_gmt":"2021-09-09T14:34:29","slug":"fest-der-geburt-des-herrn-predigt-von-papst-benedikt-xvi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/preprod.proterrasancta.org\/de\/fest-der-geburt-des-herrn-predigt-von-papst-benedikt-xvi\/","title":{"rendered":"FEST DER GEBURT DES HERRN  PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI."},"content":{"rendered":"<p><em>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/em><\/p>\n<p>Die Lesung aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an Titus, die wir eben geh\u00f6rt haben, beginnt feierlich mit dem Wort \u201eapparuit\u201c, das dann auch in der Lesung in der Messe in der Morgenr\u00f6te noch einmal wiederkehrt: apparuit \u2013 \u201ees ist erschienen\u201c. Dies ist ein programmatisches Wort, mit dem die Kirche zusammenfassend das Wesen von Weihnachten aussagen will. Von Gott hatten zuvor die Menschen auf vielf\u00e4ltige Weise gesprochen und menschliche Bilder geschaffen. Gott selber hat auf vielerlei Art und Weise zu den Menschen gesprochen (vgl.\u00a0<em>Hebr<\/em>\u00a01, 1: dritte Weihnachtsmesse). Aber nun ist mehr geschehen: Er ist erschienen. Er hat sich gezeigt. Er ist aus dem unzug\u00e4nglichen Licht herausgetreten, in dem er wohnt. Er selbst ist in unsere Mitte hereingekommen. Das war f\u00fcr die alte Kirche die gro\u00dfe Freude von Weihnachten: Gott ist erschienen. Er ist nicht mehr blo\u00df Idee, nicht blo\u00df durch Worte zu erahnen. Er ist \u201eerschienen\u201c. Aber nun fragen wir: Wie ist er erschienen? Wer ist er dann wirklich? Die Lesung in der Messe der Morgenr\u00f6te sagt dazu: \u201eErschienen ist die G\u00fcte und die Menschenliebe unseres Gottes\u201c (<em>Tit<\/em>\u00a03, 4). F\u00fcr die Menschen der vorchristlichen Zeit, die angesichts der Schrecken und der Widerspr\u00fcche der Welt f\u00fcrchteten, da\u00df auch Gott nicht einfach gut sei, da\u00df er wohl grausam und willk\u00fcrlich sein k\u00f6nne, war dies eine wirkliche \u201eEpiphanie\u201c, das gro\u00dfe Licht, das uns erschienen ist: Gott ist reine G\u00fcte. Auch heute fragen sich Menschen, die Gott nicht mehr im Glauben erkennen k\u00f6nnen, ob die letzte Macht, die die Welt begr\u00fcndet und tr\u00e4gt, wirklich gut sei oder ob nicht das B\u00f6se genau so m\u00e4chtig und urspr\u00fcnglich sei wie das Gute und Sch\u00f6ne, dem wir in hellen Augenblicken in unserem Kosmos begegnen. \u201eErschienen ist die G\u00fcte und die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes\u201c: Das ist neue, tr\u00f6stende Gewi\u00dfheit, die uns an Weihnachten geschenkt wird.<\/p>\n<p>In allen drei Weihnachtsmessen zitiert die Liturgie ein St\u00fcck aus dem Propheten Jesaja, das die an Weihnachten geschehene Epiphanie noch konkreter beschreibt: \u201eEin Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, F\u00fcrst des Friedens. Seine Herrschaft ist gro\u00df, und der Friede hat kein Ende\u201c (<em>Jes<\/em>\u00a09, 5f). Ob der Prophet bei diesem Wort an irgendein in seiner historischen Stunde geborenes Kind gedacht hat, wissen wir nicht. Aber es scheint unm\u00f6glich. Dies ist der einzige Text im Alten Testament, in dem von einem Kind, von einem Menschen gesagt wird: Man nennt ihn starker Gott, Vater in Ewigkeit. Wir stehen vor einer Vision, die weit \u00fcber den historischen Augenblick hinausreicht, ins Geheimnisvolle, ins K\u00fcnftige hinein. Ein Kind in seiner ganzen Schwachheit ist starker Gott. Ein Kind in seiner ganzen Bed\u00fcrftigkeit und Abh\u00e4ngigkeit ist Vater in Ewigkeit. \u201eUnd der Friede hat kein Ende.\u201c Der Prophet hatte es vorher als \u201eein helles Licht\u201c bezeichnet und \u00fcber den von ihm kommenden Frieden gesagt, da\u00df der Stock des Treibers, jeder dr\u00f6hnend daherstampfende Stiefel, jeder blutbefleckte Mantel verbrannt wird (vgl.\u00a0<em>Jes<\/em>\u00a09, 1. 3-4).<\/p>\n<p>Gott ist erschienen \u2013 als ein Kind. Gerade so stellt er sich aller Gewalt entgegen und bringt eine Botschaft, die Friede ist. In dieser Stunde, in der die Welt immer wieder an vielen Orten und auf vielerlei Weisen von der Gewalt bedroht ist; in der es immer wieder St\u00f6cke des Treibers und blutbefleckte M\u00e4ntel gibt, rufen wir zum Herrn: Du, der starke Gott, bist als Kind erschienen und hast dich uns als der gezeigt, der uns liebt, durch den die Liebe siegen wird. Und du hast uns gezeigt, da\u00df wir mit dir Friedensstifter sein m\u00fcssen. Wir lieben dein Kindsein, deine Gewaltlosigkeit, aber wir leiden darunter, da\u00df die Gewalt fortgeht in der Welt, und so bitten wir dich auch: Zeige deine Macht, o Gott. Mache es wahr in dieser unserer Zeit, in dieser unserer Welt, da\u00df Treiberst\u00f6cke, die blutbefleckten M\u00e4ntel und die dr\u00f6hnenden Stiefel verbrannt werden und dein Friede siegt in dieser unserer Welt.<\/p>\n<p>Weihnachten ist Epiphanie \u2013 Erscheinen Gottes und seines gro\u00dfen Lichtes in einem Kind, das uns geboren wurde. Geboren im Stall zu Bethlehem, nicht in den Pal\u00e4sten der K\u00f6nige. Als im Jahr 1223 Franz von Assisi in Greccio Weihnachten feierte mit Ochs und Esel und mit einer heugef\u00fcllten Futterkrippe, ist eine neue Dimension des Geheimnisses von Weihnachten sichtbar geworden. Franz von Assisi hat Weihnachten \u201edas Fest aller Feste\u201c genannt \u2013 mehr als alle anderen Feste \u2013 und es mit \u201eunaussprechlicher Hingebung\u201c gefeiert (<em>2 Celano<\/em>\u00a0199:\u00a0<em>FF<\/em>\u00a0787). Er k\u00fc\u00dfte voller Hingebung die Bilder des Kindleins und stammelte z\u00e4rtliche Worte, wie Kinder es tun, erz\u00e4hlt uns Thomas von Celano (<em>ebd<\/em>.). F\u00fcr die alte Kirche war Ostern das Fest der Feste: In der Auferstehung hatte Christus die T\u00fcren des Todes aufgesto\u00dfen und so die Welt von Grund auf ver\u00e4ndert: F\u00fcr den Menschen hatte er in Gott selbst Platz geschaffen. Nun, Franziskus hat diese objektive Rangordnung der Feste, die innere Struktur des Glaubens mit seiner Mitte im Ostergeheimnis nicht ge\u00e4ndert, nicht \u00e4ndern wollen. Aber etwas Neues ist dennoch durch ihn und seine Weise des Glaubens geschehen: Franz hat in einer ganz neuen Tiefe das Menschsein Jesu entdeckt. Dieses Menschsein Gottes wurde ihm am meisten sichtbar in dem Augenblick, in dem Gottes Sohn als Kind aus der Jungfrau Maria geboren, in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt worden war. Die Auferstehung setzt die Menschwerdung voraus. Gottes Sohn als Kind, als wirkliches Menschenkind \u2013 das hat das Herz des Heiligen von Assisi zuinnerst getroffen und Glaube zu Liebe werden lassen. \u201eErschienen ist uns die Menschenfreundlichkeit Gottes\u201c \u2013 dieser Satz des heiligen Paulus hatte nun eine ganz neue Tiefe bekommen. Man kann Gott sozusagen in dem Kind im Stall zu Bethlehem anfassen, liebkosen. So hat das Kirchenjahr eine zweite Mitte erhalten in einem Fest, das vor allem Fest des Herzens ist.<\/p>\n<p>All dies hat nichts von Sentimentalit\u00e4t an sich. Gerade in der neuen Erfahrung der Wirklichkeit von Jesu Menschsein wird das gro\u00dfe Mysterium des Glaubens offenbar. Franziskus liebte Jesus, das Kind, weil ihm in diesem Kindsein die Demut Gottes aufging. Gott ist arm geworden. Sein Sohn wurde in der Armut des Stalles geboren. Im Kind Jesus hatte Gott sich abh\u00e4ngig gemacht, der Liebe von Menschen bed\u00fcrftig, um ihre \u2013 um unsere \u2013 Liebe bittend. Heute ist Weihnachten zu einem Fest der Gesch\u00e4fte geworden, deren greller Glanz das Geheimnis der Demut Gottes verdeckt, die uns zur Demut und zur Einfachheit einl\u00e4dt. Bitten wir den Herrn darum, da\u00df er uns hilft, durch die gl\u00e4nzenden Fassaden dieser Zeit hindurchzuschauen bis zu dem Kind im Stall zu Bethlehem, um so die wahre Freude und das wirkliche Licht zu entdecken.<\/p>\n<p>Franziskus lie\u00df \u00fcber der Futterkrippe, die zwischen Ochs und Esel stand, die heilige Eucharistie feiern (<em>1 Celano<\/em>\u00a085:\u00a0<em>FF<\/em>\u00a0469). Sp\u00e4ter wurde \u00fcber dieser Krippe ein Altar gebaut, damit dort, wo einst die Tiere das Heu gegessen hatten, nun die Menschen das Fleisch des unbefleckten Lammes Jesus Christus empfangen konnten, zum Heil f\u00fcr Seele und Leib, berichtet uns Celano (<em>1 Celano<\/em>87:\u00a0<em>FF<\/em>\u00a0471). Franziskus selbst hatte in der Heiligen Nacht zu Greccio als Diakon mit strahlender Stimme das Weihnachtsevangelium gesungen. Durch die Lichtges\u00e4nge der Br\u00fcder zur Heiligen Nacht erschien die ganze Feier als ein einziger Ausbruch von Freude (<em>1 Celano<\/em>\u00a085. 86:\u00a0<em>FF<\/em>\u00a0469. 470). Gerade die Begegnung mit der Demut Gottes wurde zur Freude \u2013 seine G\u00fcte schafft das wahre Fest.<\/p>\n<p>Wer heute die Geburtskirche Jesu zu Bethlehem betreten will, findet, da\u00df das einst 5\u00bd m hohe Portal, durch das Kaiser und Kalifen den Bau betraten, weitgehend zugemauert ist. Nur eine niedrige \u00d6ffnung von 1,30 m H\u00f6he ist geblieben. Man wollte wohl die Kirche besser vor \u00dcberf\u00e4llen sch\u00fctzen, besonders aber verhindern, da\u00df man hoch zu Ro\u00df in das Gotteshaus ritt. Wer den Ort der Geburt Jesu betreten m\u00f6chte, mu\u00df sich b\u00fccken. Mir scheint, da\u00df sich darin eine tiefere Wahrheit zeigt, von der wir uns in dieser Heiligen Nacht ber\u00fchren lassen wollen: Wenn wir den als Kind erschienenen Gott finden wollen, dann m\u00fcssen wir vom hohen Ro\u00df unseres aufgekl\u00e4rten Verstandes heruntersteigen. Wir m\u00fcssen unsere falschen Gewi\u00dfheiten, unseren intellektuellen Stolz ablegen, der uns hindert, die N\u00e4he Gottes zu sehen. Wir m\u00fcssen den inneren Weg des heiligen Franziskus nachgehen \u2013 den Weg zu jener letzten \u00e4u\u00dferen und inneren Einfachheit, die das Herz sehend macht. Wir m\u00fcssen uns herunterbeugen, sozusagen geistig zu Fu\u00df gehen, um durch das Portal des Glaubens eintreten zu k\u00f6nnen und dem Gott zu begegnen, der anders ist als unsere Vorurteile und Meinungen \u2013 der sich in der Demut eines neu geborenen Kindes verbirgt. Feiern wir so die Liturgie dieser Heiligen Nacht, und verzichten wir auf unsere Fixierung auf das Materielle, auf das Me\u00dfbare und Greifbare. Lassen wir uns einfach machen von dem Gott, der sich dem einfach gewordenen Herzen zeigt. Und beten wir in dieser Stunde vor allem auch f\u00fcr alle diejenigen, die Weihnachten in Armut, in Leid, im Unterwegssein feiern m\u00fcssen, da\u00df ihnen ein Strahl der G\u00fcte Gottes erscheine; da\u00df sie und uns jene G\u00fcte anr\u00fchrt, die Gott mit der Geburt seines Sohnes im Stall in die Welt tragen wollte. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder! Die Lesung aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an Titus, die wir eben geh\u00f6rt haben, beginnt feierlich mit dem Wort \u201eapparuit\u201c, das dann auch in der Lesung in der Messe in der Morgenr\u00f6te noch einmal wiederkehrt: apparuit \u2013 \u201ees ist erschienen\u201c. 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