{"id":14708,"date":"2011-09-12T06:19:00","date_gmt":"2011-09-12T05:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.proterrasancta.org\/?p=14708"},"modified":"2021-09-09T16:36:11","modified_gmt":"2021-09-09T14:36:11","slug":"ein-beitrag-des-kustos-des-heiligen-landes-zum-meeting-in-rimini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/preprod.proterrasancta.org\/de\/ein-beitrag-des-kustos-des-heiligen-landes-zum-meeting-in-rimini\/","title":{"rendered":"Ein Beitrag des Kustos des Heiligen Landes zum Meeting in Rimini"},"content":{"rendered":"<p>Rimini, 24. August 2011<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich sagen, dass das, worum ich gebeten worden bin, gar nicht so einfach ist. Ich soll zu Ihnen \u00fcber den wundersch\u00f6nen und faszinierenden Ort Kafarnaum und meine damit verbundene Glaubenserfahrung in Christus sprechen und zudem darlegen, wie diese Erfahrung noch heute mein Leben als Franziskaner im Heiligen Land n\u00e4hrt. Ich bin etwas unsicher angesichts all der Erfahrungsberichte, die umlaufen und weitererz\u00e4hlt werden. Um zu dem Kern der Beziehung zu gelangen, die mich auf meinem Weg durch das Heilige Land n\u00e4hrt und tr\u00e4gt, muss ich eine Synthese vornehmen. Diese Begegnung im Rahmen des Meetings zwingt mich zu einer nach Altersphasen und Lebensumst\u00e4nden differenzierten Neudefinition meiner pers\u00f6nlichen Beziehung zu jener Gewissheit, die den gemeinsamen Nenner unseres Meetings bildet: Christus; und meiner Erfahrung in der Schule des Konkreten: Kafarnaum und dem Heiligen Land. Das Leben und den Glauben \u201emit den Augen der Apostel\u201c zu leben, hei\u00dft nach meiner \u00dcberzeugung: zusammen mit der Treue zu einem unab\u00e4nderlich feststehenden Repositorium bietet die \u201eapostolische Lebensweise\u201c aus dem franziskanischen Ged\u00e4chtnis die tiefe \u00dcberzeugung, dass wir hier und jetzt, in dem kleinen Fragment unserer Lebensgeschichte und unseres Lebensraums, eine immense Gewissheit antreffen und erleben k\u00f6nnen, weil dies \u201ezu dieser Zeit\u201c und \u201ean diesem Ort\u201c schon geschehen ist. Was ist also meine Christuserfahrung? Was sagt uns das Tr\u00fcmmerfeld Kafarnaum \u00fcber diese Erfahrung? Wie n\u00e4hrt dieses Land auch heute noch meine Christuserfahrung im Alltag? Das sind einfache und zugleich sehr schwierige Fragen.<\/p>\n<p>Bevor ich auf Kafarnaum eingehe, m\u00f6chte ich mit einem anderen, entfernteren Ort beginnen, genau genommen dem ersten Ort, den Gott auf Erden besiedelte. Es handelte sich nicht um Karfarnaum, nicht um Nazareth oder Jerusalem, sondern den Garten Eden.<\/p>\n<p>Und dann m\u00f6chte ich n\u00e4her kommen und mit Ihnen gemeinsam einige Kapitel der Bibel h\u00f6ren, die sehr weit auseinander zu liegen scheinen: die ersten Kapitel des Buches Genesis und die Anfangskapitel des Evangeliums nach Markus. Die Kapitel sind scheinbar weit entfernt voneinander, haben aber etwas gemeinsam. Sie stellen n\u00e4mlich beide einen Anfang dar.<\/p>\n<p>Das Buch Genesis spricht von einem Anfang (\u201eBereschit\u201c), um nicht allein das, was vor allem anderen kam, zu zeigen, sondern auch den Grundgedanken, der das Herz Gottes bewegte, als Er die Welt und den Menschen schuf. Er wollte freiwillig, versteht sich, und nicht etwa aus Not heraus (\u201ezu seinem Ruhm\u201c, wie es im Katechismus hei\u00dft) ein Gott mit der Welt und f\u00fcr die Welt, mit dem Menschen und f\u00fcr den Menschen sein: die Welt und der Mensch \u2013 durchdacht, gewollt, geschaffen und geliebt Es ist nicht \u00fcbertrieben zu behaupten: Wenn der Mensch <em>capax Dei<\/em> (\u201egottf\u00e4hig\u201c) ist, dann ist dies m\u00f6glich, weil Gott <em>capax hominis <\/em>(\u201edes Menschen f\u00e4hig\u201c) und damit <em>capax mundi <\/em>(\u201eweltf\u00e4hig\u201c) ist. Die Grundwahrheit des Menschen besteht darin, f\u00fcr diese Begegnung geschaffen zu sein, f\u00fcr dieses Leben und die richtige Beziehung, in der das Leben entsteht und w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, das Leben sei nicht in der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, sondern au\u00dferhalb derselben oder im Gegensatz dazu, in der Flucht in eine imagin\u00e4re Welt der Macht und der Durchsetzungsf\u00e4higkeit zu finden, ist S\u00fcnde. Mit Adam und Eva hat der Mensch diese Vorstellung in sich aufgenommen.<\/p>\n<p>Die schlichte Wahrheit \u2013 n\u00e4mlich Gott, Mensch und die Beziehung zwischen beiden \u2013 ist nun durch den Zweifel gekennzeichnet. Es bleibt nur ein Leben, dass jeden Tag ganz neu erfunden werden muss, weil der Mensch nicht l\u00e4nger Gott kennt und auch nicht mehr wei\u00df, dass alles bereits gegeben ist.<\/p>\n<p>Erl\u00f6sung besteht darin, dass es zu einer neuen Begegnung kommt, die dieser Welt und dem verwundeten Menschen, den Gott nicht verlassen hat, neues Licht und Leben schenkt.<\/p>\n<p>Das Evangelium nach Markus berichtet uns im ersten Kapitel, dass Jesus nach der Gefangennahme des Johannes zu predigen begann und nach Kafarnaum kam. Der Evangelist Matth\u00e4us ist noch pr\u00e4ziser und sagt uns, dass Jesus kam, um dort zu wohnen. Jesus kam eben, um in diesem verletzten, zersplitterten, f\u00fcr Gott und den Menschen unwirtlich gewordenen Land zu leben. Und er tat dies auf eine schlichte und einfache Weise, indem er in den Alltag und die Wohnungen der Menschen eintrat.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte noch etwas bei diesem banalen und zugleich bedeutsamen Aspekt verweilen. In Kafarnaum sind heute noch die Stra\u00dfen zu sehen, auf denen Jesus ging, und die T\u00fcrschwelle vom Wohnhaus des Petrus. Wir k\u00f6nnen nachvollziehen, wie das Leben der Einwohner zu dieser Zeit war. Wir k\u00f6nnen die K\u00fcchen mit ihren Back\u00f6fen, Fu\u00dfb\u00f6den, Treppen sehen und erkunden, wie die D\u00e4cher gedeckt waren. Unter diesen H\u00e4usern befindet sich auch das von Jesus. Wir k\u00f6nnen es sehen an der K\u00fcste des Sees Genezareth und ein paar Privilegierte k\u00f6nnen es sogar ber\u00fchren. Die Einwohner waren ohne emotionale oder theoretische Erfahrung. Jesus war da, in ihrer Mitte, in ihren Wohnungen. Die Ereignisse, die ihr Leben durcheinander brachten, geschahen dort, inmitten ihrer realen und allt\u00e4glichen Lebenszusammenh\u00e4nge, und ver\u00e4nderten sie.<\/p>\n<p>Aber lassen Sie uns zum Text des Markus zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Der erste Tag Jesu in Kafarnaum war nicht irgendein Tag. Es war ein Samstag, ein heiliger Tag, an dem die Liebe des Menschen zu Gott gefeiert und festlich des Bundes, der tiefen Beziehung zwischen uns und Ihm gedacht wurde.<\/p>\n<p>Und an diesem ersten Tag gab es vier bedeutende Augenblicke. H\u00f6ren wir, was der Evangelist Markus davon berichtet.<\/p>\n<p>Der erste Augenblick (Mk 1,21-28) ist da, als Jesus die Synagoge betritt und zu sprechen beginnt. Seine Rede ist eine Lektion, eine neue, an den Menschen gerichtete Darlegung der Wahrheit Gottes. Und dann ert\u00f6nt neben der Stimme Jesu die Stimme des D\u00e4mons. Wie in Eden ert\u00f6nt neben der autoritativen Stimme Gottes die Stimme des Teufels. Und der Teufel br\u00fcllt, seine Stimme scheint m\u00e4chtiger zu sein als die von Jesus, m\u00e4chtiger als das Wort. Er will, dass der Mensch wieder mehr auf seine als auf Gottes Stimme h\u00f6rt. Und er schreit wegen der Distanz zwischen uns und Ihm: \u201eWas hast Du mit uns zu schaffen?\u201c Der Teufel schreit seine Wahrheit, seinen Sieg hinaus: Du bist ein ferner Gott. Also, wozu bist Du hier? Deine Anwesenheit vernichtet uns, Du bist gekommen, um uns zu ruinieren \u2026<\/p>\n<p>Aber an diesem Tag kann die Stimme Jesu in Kafarnaum die alte Stimme zum Schweigen bringen. Er nimmt dem Menschen den Zweifel, Gott ist nicht l\u00e4nger ein ferner Gott. \u201eRuhig! Fahre aus ihm!\u201c Wenn das Wort erklingt, muss der Teufel verstummen. Wenn Jesus eintritt, muss das B\u00f6se gehen.<\/p>\n<p>Und dann, als der letzte Ruf des B\u00f6sem verhallt, erwacht im Menschen wieder die eigentliche Frage: Und wer ist er? Wer ist es, der da spricht und die Stimme des B\u00f6sen, die Stimme des Zweifels in uns zum Schweigen bringt? Wer bewahrt uns auf diesem Weg? Hat sich Gott uns wirklich wieder gen\u00e4hert?<\/p>\n<p>Nach Verlassen der Synagoge (Mk 1,29-31) betritt Jesus eine Wohnung, die Wohnung des Petrus, und heilt dessen Schwiegermutter, die fieberkrank im Bett lag. Und eben genesen, beginnt sie, ihnen aufzuwarten.<\/p>\n<p>Und Jesus geht, um sich bei einem Bruch aufzuhalten \u2013 nicht jenem, der den Menschen von Gott trennt, sondern jenen, der den Menschen von seinem Bruder trennt und ihn, unf\u00e4hig zu dienen, in seiner Einsamkeit gefangen h\u00e4lt. Jesus kommt, um hier zu wohnen.<\/p>\n<p>Er tut nichts anderes als einfach zu kommen. Wieder tritt er einfach ein.<\/p>\n<p>Und dann gibt es eine weitere sehr interessante Passage (Mk 1,32-34), ein drittes Wunder. Der Evangelist Markus sagt uns, dass am Abend, nach Sonnenuntergang, alle Einwohner der Stadt vor der T\u00fcr zusammenkamen und alle, die krank oder von D\u00e4monen besessen waren, zu Jesus brachten. Und das war das dritte Wunder, dass eine ganze Stadt zusammengef\u00fchrt wurde \u2026<\/p>\n<p>Jesus betrat die Synagoge und heilte den Menschen in seiner Beziehung zu Gott.<\/p>\n<p>Er kam in ein Haus und heilte den Menschen in seinen innigsten Beziehungen, den Beziehungen zu seinen Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p>Und als die ersten beiden Beziehungen geheilt worden waren, geschah das dritte Wunder von selbst. Es bestand darin, dass sich eine ganze Ortschaft in einer neuartigen Verbundenheit im Schmerz einfand und alle zusammen die Erl\u00f6sung erbaten durch den einzigen, der diese zu schenken vermag.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es da noch einen vierten Absatz (Mk 1,35-39). Er handelt davon, wie Jesus fortging. Heimlich, in der Nacht, ging er fort, um zu beten. Und als sie dessen gewahr wurden, waren sie erstaunt, dass er nicht mehr da war, und sie suchten und fanden ihn. Er aber sagte ihnen, dass er nicht nur f\u00fcr Kafarnaum da sei, sondern dass es da noch etwas gebe, das auf ihn warte und nach ihm verlange. Kafarnaum ist nicht alles, es ist kein geschlossener Raum, sondern vielmehr eine T\u00fcr, die zu etwas anderem, zu allem \u00fcbrigen f\u00fchrt. Die Erl\u00f6sung von Kafarnaum besteht darin, dass der Mensch seine Verbundenheit mit allen anderen Menschen wiederfindet. Was in Kafarnaum geschah, wird nun \u00fcberall, f\u00fcr alle Menschen, alle Familien und alle Orte geschehen. Dieses \u00dcberall hei\u00dft: alle anderen Orte in Galil\u00e4a.<\/p>\n<p>Aber dieser andere Ort ist vor allem der Vater. Es geschieht im Gebet zu ihm, dass Jesus zur\u00fcckkehrt, zusammen mit dem Mann, den er getroffen und bei dem er gewohnt hat. Er, der bei den Menschen gewohnt hat, vermag nun, den Menschen zu seinem wahren Wohnsitz, dem Leben in Gott, f\u00fchren.<\/p>\n<p>Kafarnaum hat eine T\u00fcr zum Land der Menschen und zum Himmel des Vaters von Neuem ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>In diesem Moment sagt uns Kafarnaum, dass das wirkliche Leben des Menschen das wahre Heilige Land der Begegnung mit Gott bleibt. Man begegnet Gott, indem man das Leben auf Seine Weise f\u00fchrt, das hei\u00dft in der Beziehung und der offenen Begegnung mit Ihm. Es gibt einmal mehr einen Ort der Begegnung zwischen Ihm und uns, und dieser Ort ist ganz einfach die Wirklichkeit, wie sie nun einmal ist. Das Leben mit anderen und f\u00fcr andere ist der einzige Ort, um Ihm zu begegnen.<\/p>\n<p>Und wenn ich \u201eLeben\u201c sage, meine ich nicht etwas Abstraktes, Idyllisches oder Raffiniertes. Nein, ich meine das Leben selbst, und er, der in seinem Herzen \u00fcberhaupt alles wei\u00df, wei\u00df, wie dieses Leben von Mehrdeutigkeit und S\u00fcnde gepr\u00e4gt ist. Nun, genau dieses Leben und diese Erde bilden den Ort der Begegnung mit Ihm. Es gibt keine Erfahrung mit Gott ohne das schmerzhafte und sch\u00f6ne Drama jedes einzelnen Lebens. Hier, in unseren Begegnungen, in unseren Wohnungen geschieht die Erl\u00f6sung. Die Augen der Apostel haben es gesehen und betrachtet.<\/p>\n<p>Durch das Leben im Heilgen Land bin ich allm\u00e4hlich davon \u00fcberzeugt worden. Nicht, weil ich es durch die Lekt\u00fcre von B\u00fcchern gelernt h\u00e4tte, sondern weil ich die Gelegenheit hatte, es zu leben. In dieser Hinsicht ist das Heilige Land ein beeindruckender Ort. Sich um die St\u00e4tten zu k\u00fcmmern, ist nicht einfach eine Sache der Arch\u00e4ologie. Das Leben im Heiligen Land seit den Tagen des Franziskus und die Sorge um die Erinnerung an die St\u00e4tten verpflichten uns vor allem dazu, das Zeugnis und das Ged\u00e4chtnis, auf die sich diese St\u00e4tten beziehen, zu hegen. Der Ort der Begegnung, an dem jemand Vergebung erlangt, sollte zum Zeugnis der Begegnung und der Vergebung werden. Wenn Jesus in einem Land lebte, dass einen Einblick in die Wahrheit und G\u00f6ttlichkeit der menschlichen Wirklichkeit bietet, dann ist es m\u00f6glich, mit Ihm und wie Er auf Erden zu wohnen. Wie Rahner sagt: Wenn das Wort Mensch geworden ist, dann haben alle Menschen die Macht, zum Wort zu werden!<\/p>\n<p>So zeigt uns Kafarnaum, dass auf dieser Erde und unter den Menschen die Begegnung mit Gott immer m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Allerdings kommt es hier zu keiner Begegnung, wenn man von Ideen ausgeht. Genauer gesagt: Es kommt zu keiner Begegnung, wenn es den Ideen der Personen an Gewicht und Tiefe mangelt, wenn die wirkliche Grundlage eines in Offenheit gegen\u00fcber anderen und dem Anderen gef\u00fchrten Lebens fehlt. Denn Ideen ohne Leben musst du verteidigen, und der andere wird zum Feind und dein Mangel an Leben wird auf dich zur\u00fcckfallen. Wenn deine Ideen aber Leben in sich tragen, brauchst du sie nicht zu verteidigen. Das Leben selbst wird dies tun, indem es von seiner eigenen Wahrheit k\u00fcndet.<\/p>\n<p>Nicht nur das. Die Begegnung mit dem anderen und der Verschiedenheit des anderen zwingt dich in bestimmter Weise, die Wirklichkeit deiner Erfahrung zu best\u00e4tigen. Sind es nur Ideen? Sind es nur h\u00fcbsche Vorstellungen und sch\u00f6ne Worte? Oder ist da noch etwas anderes?<\/p>\n<p>Deshalb sollte f\u00fcr uns das Leben im Heiligen Land nur eines sein: tun, was Jesus selbst tat, n\u00e4mlich voller Vitalit\u00e4t in dieser zerbrochenen Welt leben, um zur Verl\u00e4ngerung Seines aufgeschlossenen und gro\u00dfz\u00fcgigen Lebens zu werden.<\/p>\n<p>Wie machen wir das? Auf eine ganz simple Weise, indem wir einfach versuchen, das Evangelium zu leben. Die Mission besteht wirklich nicht darin, etwas Besonderes zu tun, sondern an dem jeweiligen Ort und unter den jeweils geltenden Bedingungen das Evangelium zu leben.<\/p>\n<p>Das Evangelium zu leben, ist eben diese Gelegenheit, keine Angst vor der Wirklichkeit und dem Leben zu haben, diese Gelegenheit, nicht zu fliehen, sondern bei uns zu bleiben und eine Gegenwart darin anzuerkennen. Dieser Gegenwart kann man nur begegnen, indem man sich dem Leben, wie es ist, ergibt. Das Evangelium ist das Staunen dar\u00fcber, dass Du alles, was geschieht, leben kannst, nur weil es Jemanden gibt, der da ist und der mit dir ist.<\/p>\n<p>Das Evangelium zu leben, bedeutet zun\u00e4chst, diese Erfahrung in der ersten Person zu haben, im eigenen Werdegang konkret dabei zu bleiben und keinen anderen Weg der Erl\u00f6sung zu ersinnen als jenen, der vom Kreuz Christi ausgeht. Nur da zu sein, in der eigenen Armseligkeit, und es Gott fortw\u00e4hrend zu erlauben, das Er dich erl\u00f6st. Ausschlie\u00dflich daraus zu leben, gar nichts anderes zu haben und im Herzen des Mysteriums zu bleiben. Das Evangelium im Heiligen Land zu leben, wo die Dinge meist sehr kompliziert sind und die Vergangenheit (und die Gegenwart) der Gewalt das Leben ganzer sozialer und religi\u00f6ser Gruppen soweit pr\u00e4gt, dass sie das einzige ist, von dem man heute liest, bedeutet f\u00fcr Franziskaner zu versuchen, Zeugnis von der Erl\u00f6sung zu geben und damit den Teufelskreis von Gewalt und Angst zu durchbrechen.<\/p>\n<p>Bisweilen haben wir eine vage und abstrakte Vorstellung von Erl\u00f6sung. Wir sprechen davon, als sei sie etwas, das eines Tages geschehen werde, und w\u00e4hrend wir auf sie warten, sollten wir unser Bestes geben. Das ist nicht die christliche Erl\u00f6sung. Die Seiten des Evangeliums \u00fcber Kafarnaum berichten uns von einer sehr konkreten Erl\u00f6sung und von einem Gott, der kommt und konkret in unserer Alltagswelt lebt, so dass dieses Alltagsleben zum Tr\u00e4ger unserer Begegnung mit Ihm wird. Es er\u00fcbrigt sich, etwas zu erfinden.<\/p>\n<p>Wenn der Glaube so aber nicht ist, sondern auf ein paar \u00dcbungen oder ein paar Augenblicke des Tages beschr\u00e4nkt bleibt, wenn der Glaube nicht zu einem Ort im Leben mit dem Herrn, zu einem achtsamen und neugierigen Blick auf deinen Weg durch die Geschichte wird, wenn der Glaube nicht dein ganzes Dasein verwandelt, dann wird die Wirklichkeit immer eine Bedrohung sein, vor der man sich sch\u00fctzen muss. \u201eDein Glaube hat dich gerettet &#8230;\u201c, sagt der Herr den Menschen, denen er begegnet.<\/p>\n<p>Jesus lebte auf Erden mit konkreten Grundhaltungen: Friede, Freiwilligkeit, Aufgeschlossenheit, Vers\u00f6hnlichkeit. Jesus w\u00fcrde unsere S\u00fcnde nicht ertragen haben, wenn seine Art des Verbleibens nicht Vergebung gewesen w\u00e4re. Als man in Kafarnaum ein Dach \u00f6ffnete und so einen Lahmen zu Jesus brachte (Mk 2,1-12), hat er ihm sofort vergeben. Allein hieraus resultiert die M\u00f6glichkeit, dem anderen in seiner ganzen Verschiedenheit zu begegnen und zu entdecken, wie dir diese Begegnung etwas enth\u00fcllt und schenkt von dir selbst und deiner Beziehung zu Gott, das sonst nie entdeckt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nun auf eine pers\u00f6nliche Erfahrung eingehen, die meinen Aufenthalt im Heiligen Land sehr stark gepr\u00e4gt hat. W\u00e4hrend meiner ersten Jahre in Jerusalem beschr\u00e4nkte sich mein Kontakt mit nicht-katholischen und nicht-christlichen Realit\u00e4ten zun\u00e4chst \u2013 um die unterschiedlichen Traditionen wissend, die in der einen oder anderen Weise das Leben in dieser alten Stadt beeinflussen \u2013 auf einfache Begegnungen auf der Stra\u00dfe mit Juden, Moslems und Christen anderer Konfessionen. Das waren mitnichten pers\u00f6nliche Begegnungen von besonderer Art, abgesehen von den \u00fcblichen, mehr oder weniger gleichartigen Erfahrungen, die alle Einwohner Jerusalems machen: die einen segnen dich, die anderen verfluchen dich, spucken auf dich oder sprechen nicht mehr mit dir \u2026 Alles in allem verlief mein Leben in ruhigen und geordneten Bahnen. Kurz gesagt, es gab keine besonderen Gelegenheiten zum \u201eDialog\u201c, wie wir heute sagen. Ich lebte in jener Welt, die schon immer die meine gewesen war: christlich, katholisch, gl\u00e4ubig. Ich hatte meine Fragen und gab mir selbst die Antworten.<\/p>\n<p>Die Dinge begannen sich zu \u00e4ndern, als ich eingeladen wurde, an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t Jerusalem zu studieren. Dies war die erste echte Enth\u00fcllung, der erste echte Kontakt mit einer Wirklichkeit, die ganz anders und fremd f\u00fcr mich war. Ich betrieb Bibelstudien und fand mich daher am Bibelinstitut der Universit\u00e4t wieder, wo fast jeder gl\u00e4ubig war. Zu dieser Zeit war ich der einzige Christ im ganzen Institut. Nach den unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten entstanden echte Freundschaften. In den Beziehungen und den tiefgreifenden Diskussionen, die wir miteinander f\u00fchrten, wurde mir bewusst, dass wir keine gemeinsame Sprache hatten. Ich meine nicht die gesprochene Sprache, sondern die Denkweisen und Vorstellungen. Wenn ich \u00fcber meinen Glauben redete (beinah das einzige Thema, \u00fcber das man mit mir sprach), dann konnte ich kaum etwas davon vermitteln \u2013 nicht weil mir die Worte gefehlt h\u00e4tten, sondern weil wir aus verschiedenen Welten kamen: Abendmahl, Dreifaltigkeit, Menschwerdung, Vergebung, Familie, Sozialleben usw. Die Vorstellung von Messianismus, die ich f\u00fcr eine g\u00e4ngige hielt, war tats\u00e4chlich ziemlich verschieden, die historische Interpretation indes komplett verschieden. Das Alte Testament, von dem wir immer gedacht hatten, dass es eine Gemeinsamkeit darstelle, wird in vollkommen unterschiedlicher Weise gelesen und gelebt, so dass es uns auch nicht sonderlich einen kann.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich kam ich dahinter, dass sie an meiner Erfahrung mit Christus mehr interessiert waren als an meinen Reflexionen \u00fcber Christus.<\/p>\n<p>Meine Reflexionen sagten nichts, sie besagten nichts, meine Erfahrung schon.<\/p>\n<p>Meine Kommilitonen waren zumeist Siedler. Sie stammten aus Siedlungen in den von Israel besetzten Gebieten oder waren auf andere Weise mit dieser Welt verbunden. Ihre Glaubenserfahrung und ihre Bibellekt\u00fcre hatte sie zu einigen, teils diskutablen Grundsatzentscheidungen gebracht. Wie sah es bei mir aus? In ihrer Haltung lag weder Provokation noch Feindseligkeit, sondern eine einfache und ernste Wissbegierde. Demgegen\u00fcber verhielt ich mich anfangs etwas unsicher. Denn was war meine Christuserfahrung gewesen und wie konnte ich dar\u00fcber verst\u00e4ndlich und glaubw\u00fcrdig reden? Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer in einem christlichen und kirchlichen Umfeld gelebt und meine Seinsweise spiegelte diese Welt wieder. Es wurde mir aber auch klar, dass neben eines kommunikativen Kraftakts ein Versuch zur Kl\u00e4rung meines inneren Antriebs unternommen werden musste. Damals erkannte ich, was \u201eZeugnis\u201c konkret bedeutet, und sah, worin seine M\u00fche und sein Reiz liegen. Ich begriff, dass ein Zeugnis nur durch das ernsthafte Bem\u00fchen, es zu bekunden, wahr und bew\u00e4hrt ist. Es gibt keine Erfahrung ohne Zeugnis. Es gibt kein Zeugnis, das still f\u00fcr sich bleiben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Diese Phase bedeutete f\u00fcr mich eine Art der Neubegr\u00fcndung meiner Berufung. Die Kontakt \u2013 oder der Dialog, wenn Sie so wollen \u2013 mit der j\u00fcdischen Welt zwang mich dazu, meine Erfahrung neu einzusch\u00e4tzen, mit derjenigen anderer Personen zu vergleichen und auf eine bestimmte, mir bis dahin unbekannte Weise zu teilen. Ich berichtete Menschen von Christus, die ihn nicht als den Herrn akzeptierten. Aber das hat uns nicht auseinander gebracht, sondern unsere Beziehungen mehr als alles andere gefestigt. Nie werde ich vergessen, wie wir gemeinsam immer nachmittags oder abends im Neuen Testament lasen. Einige Leute kamen von weither, um diese Zusammenk\u00fcnfte nicht zu vers\u00e4umen. Es ist nicht so, als ob ich diese Sitzungen angeordnet h\u00e4tte. Vielmehr bot ich es ihnen an, und ich tat dies, zumindest anfangs, etwas z\u00f6gerlich. Zu beinah jeder Seite kam die Frage: \u201eWas hei\u00dft das? Was bedeutet das f\u00fcr Dich? Warum \u2026?\u201c Stets konnten sie eine gedankliche Parallele in der rabbinischen Literatur finden. Wenn ich von ihren Eindr\u00fccken erfuhr, war ich ber\u00fchrt von ihrem Ber\u00fchrtsein. Wenn ich mir manchmal erlaubte, in freundlicher Weise einen etwas kritischen Kommentar in Kirchenfragen zu machen (vielleicht unbewusst, um ihre Gunst zu erwerben), brachte ich sie nur in Verlegenheit. Wie sie Israel liebten, so sollte ich die Kirche lieben und nicht deren innere Angelegenheiten mit ihnen diskutieren. Zeugnis zu geben, war nicht mehr allein ein Gebot f\u00fcr mich, sondern auch eine Notwendigkeit f\u00fcr sie. In gewisser Weise hatten sie es mir durch ihre Freundschaft \u201eauferlegt\u201c<\/p>\n<p>Es geschah also auf dem Boden der Wirklichkeit, dass ich meine Freunde fand.<\/p>\n<p>Ich entdeckte auch, dass Freundschaft eine Erfahrung ist, die dich in die Wirklichkeit zur\u00fcckf\u00fchrt: zu dem, was du bist und was dich n\u00f6tigt, du selbst zu sein.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung der Begegnung mit Menschen, die grundverschieden waren, und sp\u00e4tere Treffen von verschiedener Art, aber gleicher Intensit\u00e4t ver\u00e4nderten meine Beziehung zu Christus. Was ansteht, hat sich seither nicht ge\u00e4ndert, eher mein Bezug dazu. Jene Beziehungen lie\u00dfen mich auf ganz neue Weise eine pers\u00f6nliche Entscheidung in Bezug auf Christus treffen. In diesem Sinne kann ich sagen, dass ich dank dieser Freunde einen neuen und innigeren Jesus gefunden habe.<\/p>\n<p>Wie begegne ich Jesus heute? Es ist nicht so, dass ich allezeit bereit w\u00e4re f\u00fcr diese Begegnung. Doch ich wei\u00df, wo meine St\u00e4rken liegen: Wort und Gebet, der Ort und die Menschen \u2013 gemeinsam. Durch den Bezug zum Ort wird man unaufh\u00f6rlich zur\u00fcckgerufen zu dem Ereignis, von dem uns die Heilige Schrift berichtet. Dadurch wird es zu einer nahen und dichten Erinnerung. Die Beziehung zu einzelnen Menschen zwingt dich, die Wahrheit deiner Erfahrung zu bezeugen. Die Beziehungen im Heiligen Land sind schrecklich verletzt. Doch wenn man in dieser Wirklichkeit lebt, sieht man die t\u00e4glich Herausforderung in Bezug auf Christus und all das, was konkret, schwierig und dennoch notwendig ist: Vergebung, Freiwilligkeit, Freiheit, N\u00e4chstenliebe, M\u00e4\u00dfigung, Geduld, Aufgeschlossenheit \u2026 sind zur Notwendigkeit geworden. Wer sich diese Grundhaltung versagt, verleugnet sich selbst.<\/p>\n<p>Schlussendlich tun wir als Franziskaner im Heiligen Land mehr oder weniger, was alle tun: wir beten, studieren, lehren, wir machen Ausgrabungen, k\u00fcmmern uns um die Heiligen St\u00e4tten, hei\u00dfen Menschen willkommen, errichten Bauwerke, arbeiten, erledigen unsere Angelegenheiten, kaufen und verkaufen \u2026 Doch der Sinn unseres Tuns liegt nicht in dem Tun selbst, sondern in der M\u00f6glichkeit, die sich ergibt aus der Liebe zum menschlichen Leben und dem genauen Wissen, dass jedes Leben die M\u00f6glichkeit der Gottesgegenwart birgt. Das ist das Sakrament einer Begegnung. Das Ziel besteht nicht im Endprodukt, sondern im Verlauf, in der Begegnung, im Evangelium der Begegnung, dem Dableiben und Dabeisein.<\/p>\n<p>Aus der Begegnung mit diesem Land erw\u00e4chst uns die Gnade und Pflicht einer realen Christuserfahrung, denn Worte reichen hier nicht aus. Oder vielleicht weil es hier zu viele Worte gibt und niemand mehr an sie glaubt.<\/p>\n<p>Zum anderen bleibt die konkrete Erfahrung, auf einem keineswegs einfachen Weg zur Wahrheit und jenseits der \u00c4u\u00dferlichkeiten zum Kern der Menschlichkeit zu gelangen.<\/p>\n<p>Somit tun wir mehr oder weniger, was alle tun, und sind weder besser noch schlechter als sie. Wir besitzen nur eine Gewissheit, dass der Herr weiterhin in der Geschichte des Menschen wandelt. Es bleibt eine anstrengende Geschichte, aber eine, die gleicherma\u00dfen eingenommen und verziehen ist \u2013 und deshalb kostbar.<\/p>\n<p>Wir harren hier aus mit der Sehnsucht dessen, der allen die einzigartige Neuheit unseres Glaubens, die Erl\u00f6sung, bringen will: die pers\u00f6nliche Erl\u00f6sung f\u00fcr jeden einzelnen Menschen. Deshalb harren wir hier aus und halten die T\u00fcr so ge\u00f6ffnet, wie das Haus des Petrus ge\u00f6ffnet war, um Herrn Jesus willkommen zu hei\u00dfen. Wir \u00f6ffnen f\u00fcr Gott die T\u00fcr zur Wirklichkeit. Damit geben wir Ihm etwas, das Ihm der Mensch oft nicht zu geben sich traut: Schmerz, S\u00fcnde und Heilsbed\u00fcrftigkeit. Wir harren aus mit der Beharrlichkeit und der Hoffnung dessen, der den Vollzug des Heilsgeschehens schauen und dort, wo scheinbar noch Nacht ist, die Morgend\u00e4mmerung von Kafarnaum sehen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rimini, 24. August 2011 Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich sagen, dass das, worum ich gebeten worden bin, gar nicht so einfach ist. Ich soll zu Ihnen \u00fcber den wundersch\u00f6nen und faszinierenden Ort Kafarnaum und meine damit verbundene Glaubenserfahrung in Christus sprechen und zudem darlegen, wie diese Erfahrung noch heute mein Leben als Franziskaner im Heiligen Land n\u00e4hrt. 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